Lettische Literatur

Spread the love

Gedichte


Seid nicht so übermäßig groß!
Zumindest mich laßt klein sein,
laßt mich mit meiner großen Zehe spielen!

Seht, in der Wiege liegend,
steck mit den Händen ich
die Zehe in den Mund!

Gebt zu: Ihr seid erwachsen
Und könnt es mir nicht nachtun.

Es ist sehr wichtig, dann und wann
Ein Wickelkind zu werden und zu wachsen.
Wer das nicht kann,
hat irgendwas verloren:
Die Spirale.
Die Erneuerung.

Nicht jeder kennt sie, die Spirale,
denn es ist ja nicht
die Bettfeder in der Matratze.

Sie läuft in unserm Innern.
Fühlt ihr sie?
Könnt ihr, in einer Wiege liegend,
die Zehe spielend an die Lippen führen?

Wenn nicht, so läuft eine Gerade
durch euren Leib. Dann seid ihr eben steif
und nennt umsonst
die Bettfeder eine Spirale.

Drum laßt ein Wickelkind mich sein,
das mit den Zehen spielt!
Ich rüste mich
fürs Kommende:
für Verse ohne Reim,
für ungebundene,
spontane Strophen…

Doch das nachher. Vorerst will ich
mit meinen Zehen spielen, denn das ist –
glaubt mir´s – für den Gemeinutz wichtig!

Aus dem Gedichtband „Motorrad“
Eingeholt von mir am Sonntag
ward ein blauäugiges Mädchen,
einen Kallastrauß in Händen.
Wohin gehst du, Margarete?

Barfüßig das Weggras streifen
ihre schlanken braunen Beine,
und wie eine erste Liebe
fällt der Zopf zur Brust ihr nieder.

Wer wird einst dein Faust sein, Gretchen?
Dich betrügt Per Gynt, o Solveig!
Komm, sitz auf, ich fahr dich dorthin,
wo dein Wegziel sich befindet!

Heute wird im Dorf gefeiert.
Wieviel Mädchen, wieviel Blumen!
Flicht in dieses Zopfes Strähnen
meine Träume, Margarete!

Überall, wohin ich fahre,
höre ich dein leises „Danke!“
Warum bracht ich einem andern
dieses Mädchen mit den Kallas?

Zur Frage der Lebensbejahung
Ich bejahe
nicht die Rundlichkeit des Nadelöhrs,
sondern die scharfe
schnittige Nadelspitze.

Ich bejahe
nicht den Gluthauch des Martinofens,
sondern die Anomalie
des noch unentdeckten Erzlagers.

Ich bejahe
nicht den Wohllaut des Nachtigallenchors,
sondern den Frühlingsruf
der frierenden ersten Lerche.

Ich bejahe
nicht die flatternden Fahnen des Sängerfests,
sondern der Sangesbruder aus dem fernsten Dorf
seine ausgetretenen Schuhe
und seine gebügelte Halsbinde.

Vom Schaubaren verdeckt
wird das, was nicht leicht schaubar.
Mit Schuppen überdeckt
Sind unsre Augen.


Ihr sollt nicht ohne Liebe leben!
Man kommt nicht ohne sie zurecht.
Wo Liebe fehlt, dort qualmt das Feuer
und alle Messer schneiden schlecht.

Ein stumpfes Beil in schaffen Händen
behaut der Tage Einerlei.
Es treibt auf der Gardinenstange
ein Kobold seine Ulkerei.

Man kann, der Kuckuck hol´s, nicht fassen,
wozu am Fenster Blumen stehn,
wozu man aufstehn soll am Morgen
und abends soll zu Bette gehn.

So ist das Leben ohne Liebe –
wenn keiner gibt und keine nimmt,
wenn einsam man das Brotlaib schneidet
und einsam aus dem Teeglas trinkt,

sich einsam grämt und einsam lächelt,
und einsam seinen Karren zieht…
So mancher lebt ja ohne Liebe.
Es geht auch ohne, wie man sieht.

Es geht…


Wenn man niemand mehr erwartet,
kommt die Schwester Einsamkeit.
Braune Augen, dunkle Haare
hat die Schwester Einsamkeit.

Dich verlassen Frau und Brüder,
es entläuft dein Hund ins Weite.
Dann, wenn du schon ganz allein bist,
kommt die Schwester Einsamkeit.

Sie bereitet dir den Kaffee,
stopft dir deine alten Socken,
steht bei Nacht an deinem Bette,
deine Schwester Einsamkeit.

Wenn man dich ins Grab wird legen,
werden viele dich beweinen.
Danach werden alle heimgehn
und zu Hause weiterleben.

Sie alleine wird den Deckel
deines Sarges sachte heben
und sich leise zu dir legen –
deine Schwester Einsamkeit.

Epiphanien

Versprich mir nicht Großes! Ich brauche es nicht. Siehst du die kleine Zündholzschachtel?
Hier wohne ich.
Du kannst deine Sachen holen und zu mir ziehen. Und wenn die Welt in ihrer Größe uns nicht anerkennen will, so bitten wir Adam und Eva, uns nicht gezeugt zu haben.
Siehst du den kleinen Ring hier? In ihm wohne ich. Ich lege ihn auf einen Stein und setze mich hinein. Du kannst dein Ferngals nehmen und zu mir kommen. Setz dich im Ring an meine Seite und schau in die Ferne. Sind es nicht unsere Namen, die am Himmelsrand leuchten?
Versprich mir aber, wenn du kommst, nichts Großes mitzunehmen. Laß die großen Schuhe zurück, an denen sich die Füße wund reiben, und laß den großen Planeten draußen, denn für ihn ist hier kein Platz.
Ich denke nur an das Staubkorn, in das ich Leben einhauchen muß, an das winzige Leben in diesem kleinen Ring.


Falle, solang du leuchtest: Später glaubt niemand, daß du ein Stern gewesen.
Geh, ehe du verlischst!
Wieviel himmliche Leuchten erlöschen, ist ihre Zeit gereift. Man bemerkt sie nie.
Doch beim Sternenfall beschwört man das Glück, beim Sternenfall…
Geh, Stern, beizeiten!
Deine Zeit,

Back to Top